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Last Update: 29-may-97
EAASDC Bulletin 3/97
In einem kürzlich erschienenen Artikel hat Bill Heimann auf exzellente Weise den Unterschied zwischen hoher Qualität und hohem Level im Tanzen umrissen. Ich möchte die Hauptpunkte von Bill's Artikel (oder was ich als Hauptpunkte sehe) zusammenfassen, damit ich sie als Ausgangspunkt für meine eigenen Bemerkungen verwenden kann:
Bill stellte die Kriterien zur Bewertung dar, wie gut oder schlecht ein Tänzer seine Aufgabe erfüllt:
Die obigen Kennzeichen sind unabhängig vom Level. Sie gehen über den Stoff, der einem Callerlab-Programm zugeordnet ist, hinaus. Daraus folgt, daß ein A1-Tänzer nicht unbedingt nur aufgrund seines üblichen Tanzlevels ein besserer Tänzer sein muß als ein MS-Tänzer. Es ist durchaus für einen PLUS-Tänzer möglich, ein besserer Tänzer als ein A2-Tänzer zu sein, abgesehen davon, daß der A2-Tänzer wahrscheinlich mehr Calls kennt.
Weil die Square Dance Bewegung die Aufgabe, die Kennzeichen eines guten Tänzers festzulegen, nicht gelöst hat, nehmen viele Leute fälschlich an, daß eine direkte Beziehung besteht zwischen dem Level, den einer tanzt, und der Güte, mit der er es tut. Sie glauben, die Teilnahme an einem höheren Tanzprogramm zeigt, daß jemand ein besserer Tänzer sein muß.
Weil wir alle in unserem Umfeld gut angesehen sein wollen, fördert die falsche Vorstellung, daß Tanzlevel gleichbedeutend sei mit Tanzfähigkeiten, einen unangemessenen Zugzwang durch die Level.
Die Gleichstellung von Tanzlevel und Ansehen hat zu dem bedauerlichen Absinken der durchschnittlichen Tanzfähigkeiten im Advanced- und im Challenge-Level geführt.
. . .
Beim Lesen von Bills Artikel fiel mir als erstes auf, daß seine Liste von Merkmalen eines guten Tänzers eigentlich nur aus einem einzigen Punkt und einigen Zusätzen besteht. Die meisten seiner Kennzeichen sind in der Tat nur spezielle Vorkommen des ersten Punkts: bessere Tänzer machen weniger Fehler. Ich glaube, sie machen weniger Fehler, weil sie die Grundlagen beherrschen, sich anpassen, mit verzerrten Stellungen zurechtkommen, präzise sind, Fehler erkennen und wissen, wie man sie repariert. Weiter sind Tänzer, die wenig Fehler machen, selbstsicherer und eher in der Lage, anderen zu helfen. Die Liste dampft daher auf einen Punkt ein:
Bessere Tänzer machen weniger Fehler.
Obwohl ich nicht darüber streiten möchte, ob eine kleine Fehlerrate die einzige Tugend ist, die ein guter Tänzer besitzen muß, scheint doch klar zu sein, daß der Fehlergrad, den ein Tänzer zeigt, das einzig wichtige Merkmal ist zur Beurteilung, wie gut jemand tanzt. Wenn das so ist, könnte es ganz lehrreich sein, die Leistung eines Tänzers unter diesem Gesichtspunkt zu untersuchen. Wie viele Fehler sind angemessen für einen tüchtigen Tänzer im Lauf eines Abends? Von wie vielen Sequenzen eines Tips kann man annehmen, daß sie wahrscheinlich erfolgreich ablaufen?
Zunächst müssen wir festlegen, was wir unter 'Fehler' verstehen. Ich rede nicht von kurzem Zögern oder Fehlstarts. Ich meine diese 'tödlichen' Fehler, die den Square zusammenbrechen lassen. Ich definiere diese 'verhängnisvollen' Fehler so:
Eine falsche Aktion (oder Nicht-Aktion),
Meine Frage lautet,
Wieviele solche Fehler darf ein tüchtiger Tänzer machen?
Beim Nachdenken wird schnell klar, daß es keine einfache Antwort gibt. Es ist leicht, "2" oder "17" oder "89" zu sagen, aber ohne eine vernünftige Erklärung ist die Zahl bedeutungslos. Die zugrunde liegende Voraussetzung unserer Betrachtung von Fehlern ist die Annahme, daß sie unmittelbar zum Zusammenbruch des Squares führen und damit die Tänzer zu Zuschauern der anderen Squares werden lassen.
Unsere Aufgabe ist, zu überlegen, ab wann der Zeitanteil für das 'Zuschauen' in unzumutbare Größen wächst. Dieser Gedanke spaltet meine ursprüngliche Frage in zwei:
Die erste Frage ist eine Sache der persönlichen Einschätzung, aber die zweite kann man näher untersuchen. Nach dieser Untersuchung haben wir vielleicht auch eine bessere Ausgangsposition, die erste Frage zu beantworten. Zunächst müssen wir aber vor der Analyse unsere Begriffe festlegen.
Da wir uns mit der Anzahl von Fehlern, die ein Tänzer macht, befassen, ist es nützlich, diese als ein Verhältnis zu definieren, dessen Basis die Anzahl der getanzten Call-Sequenzen oder 'Folgen' ist. Wenn z.B. ein Tänzer einen schweren Fehler je fünf Folgen macht, folgt daraus, daß er oder sie 4 von 5 Folgen fehlerfrei tanzt. Mit anderen Worten, der Tänzer schafft 80% aller Folgen fehlerfrei. Dieser Wert drückt auch die Wahrscheinlichkeit dafür aus, daß ein Tänzer eine bestimmte Folge meistert. Von nun an werde ich einen solchen Tänzer als '80%-Tänzer' bezeichnen.
Nun wollen wir überlegen, wie gut Tänzer verschiedener Fähigkeitsgrade wahrscheinlich fehlerfrei miteinander tanzen werden. Nehmen wir an, alle Tänzer im Square tanzen 90% aller Folgen fehlerfrei. Als Schulnote ist 90% ziemlich gut. Auf das Tanzen übertragen heißt das, daß Du eine von zehn Folgen vermurkst. Wir wollen nun die Wahrscheinlichkeit wissen, mit der acht '90%-fehlerfrei-Tänzer' durch eine Folge kommen, ohne daß einer von ihnen einen Fehler macht. Die Statistik sagt uns, daß als Formel für diese Rechnung das Produkt aus den Einzelwahrscheinlichkeiten zu bilden ist. Das heißt, bei einem Square mit ausschließlich 90%-Tänzern kann man davon ausgehen, daß er mit
0,9 * 0,9 * 0,9 * 0,9 * 0,9 * 0,9 * 0,9 * 0,9 = 43%
weniger als die Hälfte der Folgen schafft.
Mit anderen Worten, sie stehen mehr als die Hälfte der Zeit. Es wird kaum jemand sagen, daß ein Zuschauen für mehr als die Hälfte der Zeit noch befriedigend ist.
Schauen wir uns das aus einem anderen Blickwinkel an. Wenn wir unsere 90%-Zahl auf den Square anstatt auf die Einzeltänzer anwenden wollen, lautet die Frage: Wie gut müssen die Tänzer sein, damit der Square 90% aller Folgen schafft? Wir suchen also eine Zahl n, die folgende Bedingung erfüllt:
n * n * n * n * n * n * n * n = 0,9
Wenn man das ausrechnet, kommt heraus, daß n= 0,987 oder 98,7% ist. D.h. damit der ganze Square 90% schafft, muß jeder Tänzer 98,7% aller Folgen schaffen.
Das scheint eine ziemlich hohe Anforderung zu sein. In der Schule erreichen nur Genies 98,7%. Wenn man annimmt, daß ein normaler 2½-Stunden Tanzabend aus 7 oder 8 Tips mit je 10 oder 12 Folgen besteht, dann bedeuten 98,7% höchstens einen Fehler am Abend. Vielleicht ist der Ansatz, einen 90%-Wert für den Square zu erreichen, zu hoch. Andererseits haben wir gesehen, daß 90%-Tänzer schon mehr als die halbe Zeit stehen, so daß klar ist, daß der Wert auf jeden Fall höher sein muß als 90%.
Spätestens jetzt könnten einige von Euch sagen, "das ergibt doch keinen Sinn. Ich habe schon in Squares mit völlig unfähigen Leuten getanzt und wir haben trotzdem die meisten Folgen geschafft - die Zahlen müssen falsch sein!". Sie sind es natürlich nicht, aber in den obigen Rechnungen wurde übersehen, daß die meisten Fehler korrigiert werden, bevor sich der Square auflöst. Tatsächlich werden, wenn sich die Tänzer gut kennen, viele Fehler schon vorausgeahnt und verhindert, bevor sie gemacht werden. Es gibt Tänzer, die nicht nur tadellos ihren eigenen Part tanzen, sondern auch noch einige Fehler anderer korrigieren.
Mit einer anderen Art der Betrachtung kann man sagen, daß Tänzer, die andere korrigieren, mehr als 100% tanzen. Sie tanzen 100% ihres eigenen Anteils und zusätzlich noch Teile dessen, was andere Tänzer leisten sollten. Als Beispiel wollen wir uns ein Square vorstellen, das aus 6 100%-Tänzern besteht und einem siebten, der 80% tanzt. Wenn der achte Tänzer auch bloß 100% tanzt, schafft der Square 80% aller Folgen. Wenn aber der achte seinen vollen eigenen Part tanzen und noch die Hälfte der Fehler des siebten korrigieren kann, dann hat der Square 90% Erfolg. Daraus kann hergeleitet werden, daß der achte Tänzer ein 110%-Tänzer ist; 100% für sich selbst und 10% der Aufgaben des siebten. Wenn einer der anderen Tänzer diese Leistung auch bringt, dann könnte der Square theoretisch eine 100% Erfolgsquote haben, obwohl ein 80%-Tänzer dabei ist.
Dieses Phänomen ist ein wesentlicher Bestandteil des Tanzgeschehens. Oft kann ein Tänzer den Fehler eines anderen korrigieren und Schaden für den Square verhindern. Dieser Vorgang ist sehr wichtig für einen gesunden Square und normaler Bestandteil guten Tanzens. Krankhaft wird es, wenn die Hilfe immer in dieselbe Richtung geht. Anstelle eines wechselweisen Zusammenspiels haben wir eine Person, die immer hilft und eine andere immer am empfangenden Ende.
Ich glaube dieser letzte Punkt trifft genau mitten in das 'Tanzqualitäts'-Thema. Für eine statistische Erhebung über das Tanzvolk irgendeines Levels kann man die Tänzer nach ihren Fähigkeiten in drei Gruppen aufteilen:
An diesem Punkt ist es wichtig zu begreifen, daß alle drei dieser Gruppen notwendig sind. Es könnte jemand auf die Idee kommen, wenn wir die erste Gruppe los wären, hätten wir unsere Probleme gelöst. So nicht! Du siehst schnell warum, wenn Du einen Blick zurück auf die drei Gruppen wirfst und sie als die drei Phasen siehst, die jeder Tänzer auf jedem Level durchläuft. In einer idealen Welt wären die Leute der Gruppe 1 die Neulinge in einem Level. Weil ein großer Teil des Stoffs in den weiterführenden Leveln nur mit viel Erfahrung gemeistert werden kann, ist zu erwarten, daß Leute, die neu in einem Level sind, eine höhere Fehlerquote aufweisen. Obwohl Du vielleicht 'Magic Diamonds' (oder eine andere Figur) theoretisch verstanden hast, wie oft mußt Du an dem Ablauf arbeiten, bis Du ihn mit Eleganz tanzen kannst?
Wir können daher diese Gruppe-1-Tänzer nicht aussperren - sie sind die Zukunft. Weil sie Hilfe brauchen, müssen sie ausgeglichen werden durch eine ausreichende Anzahl von Tänzern der Gruppe 3. In einer perfekten Welt wäre jeder Level mit einer ausgewogenen Zusammensetzung bevölkert: zum Beispiel 20% in Gruppe 1, 60% in Gruppe 2 und 20% in Gruppe 3. Aber die Welt ist nicht perfekt und darin liegt das Hauptproblem. Durch den Druck, von Level zu Level vorankommen zu wollen, kürzen viele die drei Phasen ab. Sie kommen von Phase 1 nach Phase 2 und gehen dann sofort in den nächsten Level (wo sie natürlich wieder Phase 1 sind). Da dies immer mehr um sich greift, beginnt der Anteil der Phase-3-Tänzer auf allen Leveln abzubröckeln, was die verfügbare Hilfe für die neuen Tänzer einschränkt. Mit wenig Hilfe kommen Phase-1-Tänzer langsamer zu Phase 2 - oder gar nicht.
Nun kommen wir zum heimtückischsten Teil des Ablaufs: Tänzer, die neu in einen Level kommen, finden dort keine Phase-3-Tänzer, die ihnen helfen, fit zu werden. Keiner auf diesem Level scheint zu wissen, was er machen soll. Natürlich wissen aber alle, daß die besseren Tänzer einige Level höher tanzen. Die Reaktion ist, die Calls des nächsten Levels zu lernen und eins höher zu gehen. Tänzer, die einen Level gerade beherrschen, stehen dann bereits auf der Tanzfläche des übernächsten.
Wir müssen endlich eingestehen, daß wir eine Verpflichtung gegenüber den anderen Tänzern haben, wenn wir uns in irgendeinem Level auf die Tanzfläche begeben. Diese Verpflichtung besteht darin, unseren angemessenen Teil des Stoffes zu tanzen. In dem Maße, in dem wir diesen nicht tanzen können, bilden wir eine Bürde für die anderen Tänzer, die wir ihnen einseitig aufladen, wenn wir in ihren Square eintreten. Was ist unser angemessener Anteil? Ich denke, er wandelt sich mit der Erfahrung im Level:
Es ist wichtig, zu erkennen, daß Du in der ersten Phase von der Stärke der anderen zehrst. Die Berechtigung dafür liegt in dem Versprechen, daß Du im Lauf der Zeit von Phase 1 nach Phase 3 fortschreiten wirst und dann die Hilfe zurückzahlen wirst, die Du selbst empfangen hast. Wenn Du in den nächsten Level gehst, ohne diese Hilfe zurückzugeben, läßt Du die Leute, die Dir in diesen Level folgen, zu kurz kommen. Wenn Du weitergehst, bevor Du in Deinem augenblicklichen Level fit bist, läßt Du beide zu kurz kommen: den Level, den Du verläßt und den, in den Du gehst.
Aber vor allem kommst Du selbst zu kurz.
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