EAASDC-Logo
European Association
of American Square Dancing Clubs e.V.

 
Friendship is Square Dancing's greatest reward
      
 

 
   

EAASDC-Bulletin November 2010

Zum Nachdenken

Gut genug für das nächste Level?
Analysen und Erfahrungen von der Tanzfläche
Henning Klingenberg

Der folgende Artikel wurde schon 1999 in den Advanced News, einer nicht mehr existierenden Publikation, veröffentlicht. Ursprünglich wurde der Beitrag mit Focus auf „Computer Cards“ geschrieben. Ich bitte den Autor um Entschuldigung dass ich diesen Aspekt aus dem originalen Artikel entfernt habe, weil viele unserer Leser mit dem Begriff Computer Cards und ihrer Anwendung im Square Dance wenig anfangen können. Die verbleibenden Gedanken und Vorschläge des Autors sind jedoch eine sehr sorgfältige Recherche von vielen Problemen, die es auf der Tanzfläche gibt und sie sind auf jeden Fall wert nochmals veröffentlicht zu werden. Das ist also ein leicht überarbeiteter Nachdruck und nicht in voller Übereinstimmung mit dem Original. Wir haben aber die Absicht das Thema Computer Cards in einer späteren Ausgabe des Bulletins zu behandeln. Wenn Du zu diesem Thema etwas beitragen kannst, lass‘ es mich wissen. Der Editor

Square-Dance-Veranstaltungen werden üblicherweise mit einer Angabe des vorgesehenen Schwierigkeitsgrades beworben. Wird ein Programm ohne jeden Zusatz oder mit einem Zusatz wie "solid" angeboten, sollen die Teilnehmer die zu dem Programm gehörenden Figuren kennen und tanzen können. Weiter wird erwartet, dass Personen, auf die dies nicht zutrifft, an der Veranstaltung - von sich aus - nicht teilnehmen. In der Theorie also ganz einfach.

In der Praxis scheint die ERSTE SCHWIERIGKEIT zu sein festzustellen, ob man ein Programm beherrscht. Dummerweise ist das nämlich nicht eindeutig, sondern jeder Tänzer macht für jedes Programm einen mehr oder weniger langen Entwicklungsprozess durch. Es macht ja nicht einfach "bang" und man kann alles. Vielmehr schließt sich an eine erste Lernphase mit den Grundlagen eines Programms eine zweite mit dem "Weiterüben auf dem Floor" an. In der Praxis lautet die Frage also nicht immer "Beherrsche ich das Programm?", sondern z. T. "Beherrsche ich das Programm zu gehen?" Ein verantwortlich handelnder Tänzer in einer Lernphase würde sich ggf. z.B. beim Veranstalter erkundigen, ob der Caller als besonders schwierig gilt und wie der Floor voraussichtlich zusammengesetzt sein wird, und erst danach entscheiden, ob er hingeht.

Das Ganze ähnelt ein bisschen dem Führerschein, der ja zunächst auch nur eine Erlaubnis ist, ohne Fahrlehrer weiterzuüben. Nur gibt es im Square-Dance keine Instanz, die festlegt, ab wann das Können dafür reicht, und diese Feststellung im Einzelfall auch überprüft. Was also bedeutet im Square-Dance "genügend" gut?

Vor einigen Jahren hatte ich Gelegenheit, eine Diskussion bei ECTA mitzuerleben. Es ging um die Schwarzen und Weißen Badges, einen gewissen Mindestnachweis für Erfahrung als Caller. Damals erklärte ein amerikanischer Caller, er verstehe das System der Badges nicht. Wenn er Leute finde, die ihn bäten, für sie zu callen, dann sei er doch offensichtlich gut genug. Warum also eine Prüfung?

Hält man das von diesem Caller vorgeschlagene Prinzip für legitim und überträgt man es auf die Tänzer, so erscheint ein Tänzer dann als "genügend gut", wenn die anderen ihn  ohne Murren "im Square ertragen". Ein Tänzer hingegen, der sich von einem Floor ausgegrenzt sieht, befindet sich in derselben Situation, wie ein Caller, der von den Tänzern nicht angenommen wird. Als erstes müsste sich der Tänzer daher fragen, ob er die (legitimen) Erwartungen der anderen trifft. Nur dann, wenn er das guten Gewissens bejahen kann - es lohnt sich, hier etwas feedback von als offen und ehrlich verschrienen Leuten einzuholen - könnte ein sich .ausgegrenzt fühlender Tänzer andere zu Recht kritisieren.

Die nächste Schwierigkeit besteht darin, sich zu einigen, ob und unter welchen Umständen ein "weicher" Tänzer von den Anderen Toleranz erwarten darf. Nach meinen Beobachtungen hat in der Praxis kaum jemand, der neu in ein Programm einsteigt und erkennbar bemüht ist zu lernen, Probleme, von den anderen akzeptiert zu werden. In den höheren Programmen ergibt sich das ohnehin schon aus dem Eigeninteresse der anderen, mehr gute Leute in der Aktivität zu haben.

Problematisch sind (nur) diejenigen, die über Jahre regelmäßig mit immer denselben Fehlern die Squares schmeißen. Womöglich verwirren sie dann noch andere, indem sie blind nach irgendeiner Hand greifen und daran herumzerren usw. Oder, um allem die Krone aufzusetzen, sie packen dann noch ein höheres Programm nach dem anderen an, ohne die Grundlagen zu beherrschen. Das Dumme dabei ist, dass diese Leute im Zweifel fast immer die anderen Tänzer oder den Caller für das Problem halten, und nie sich selbst (wäre das anders, gäbe es das Problem nicht). Daran wiederum tragen in manchen Fällen auch die Caller ein gutes Stück Mitverantwortung, weil sie irgendjemanden völlig zu Unrecht das Gefühl vermittelt haben, er sei für Square-Dance oder ein höheres Programm talentiert.

Wo aber exakt verläuft die Grenze zwischen hinzunehmenden Start- oder Wiedereinstiegsschwierigkeiten und für die anderen unzumutbarer Inkompetenz? Hier scheiden sich die Geister und hier kommen die Emotionen ins Spiel.

Das Problem besteht hier darin, dass Tänzer dieselbe Situation unterschiedlich wahrnehmen, einordnen und bewerten. Da erscheint dann leicht EIN UND DASSELBE VEERHALTEN (z.B. das Fixing eines Squares) dem einen Tänzer als Unverschämtheit, während der andere sich in einer Situation "legitimer Notwehr" gegen die Frechheit eben dieses einen Tänzers sieht, schon wieder einen Square schmeißen zu wollen.

Vor einigen Monaten hörte ich die Beschwerde eines Tänzers, dass er in Deutschland immer wieder auf Ablehnung stoße, wenn er sich in höheren Programmen zum Tanzen aufstelle. Er wisse zwar, dass er diese Programme nicht (gut) beherrsche, aber er habe zu Haus keine Gelegenheit, sie zu tanzen. Frage: Kann ein Tänzer in einer solchen Situation - wenn er nicht der Überflieger ist, der auch so etwas leicht schafft - über Jahre die Toleranz der anderen in Anspruch nehmen oder sollte er zu der Einsicht kommen, dass es ihm unter diesen Bedingungen eben - so bedauerlich das für ihn persönlich auch ist - nicht möglich ist, bestimmte Programme zu tanzen?

Wenn die Regel richtig ist, dass man einen Floor nur betreten sollte,

  • wenn man das angebotene Programm einigermaßen beherrscht oder
  • wenn man, falls man es eigentlich nicht kann, dennoch von einer Gruppe Tänzern ausdrücklich dazu aufgefordert wird,

dann kann die Antwort nur lauten, dass in einem solchen Fall Einsicht und nicht Toleranz gefordert ist.

Noch schlimmer ist es natürlich bei den Leuten, die gar nicht erst wahrnehmen, dass die Squares ihretwegen zusammenbrechen, denn ihnen ist Einsicht unmöglich. Leider scheint mir diese Geisteshaltung auf die weit überwiegende Zahl der chronischen "Troublemaker" im Square zuzutreffen, die das eigentliche Problem darstellen.

Man muss einmal erlebt haben, wie ganze Wochenendveranstaltungen oder gar Square-Dance-Wochen kippen, weil unzureichend vorbereitete Tänzer die anderen daran hindern, zu tun wofür sie gekommen sind und viel Geld und Zeit aufgewendet haben.

Wenn sich ein Caller den weichen Tänzern zu sehr anpasst, gehen diese aber ggf. mit der falschen Überzeugung nach Hause, sie beherrschten das Programm.

Zu große Unterschiede im Können der Tänzer bei einer Veranstaltung führen zu Spannungen und man sollte einem Tänzer besser klar sagen, dass er auf der falschen Veranstaltung oder im falschen Programm ist. Das offen anzusprechen, traut sich aber kaum jemand. Warum eigentlich nicht?

Die Caller, die Kraft Funktion und fachlicher Autorität dafür geradezu prädestiniert wären, tun dies überwiegend nicht. Ursache scheint mir Angst vor der "Rache der Enttäuschten" zu sein, die sich bei diversen Gelegenheiten lautstark und in im Zweifel entstellter, für den Caller negativer Form äußern könnten.

Nicht viel anders geht es den meisten Veranstaltern. Ich bezweifle allerdings, dass diese Angst wirklich begründet ist Schließlich gibt es Caller und Veranstalter, die als besonders anspruchsvoll gelten und deren Veranstaltungen gerade deswegen voll sind. Sie halten die "Kritik" einfach aus. Irgendwann kommt dann der Punkt, von dem ab der eigene Ruf stärker ist als die Verleumdung.

Solange aber die latente Angst vor dem bösen Gerücht das Verhalten bestimmt, ist es nicht verwunderlich, dass regelmäßig nur Appelle an die Selbstverantwortung der Tänzer einfallen, die gerade bei denen wirkungslos verpuffen, an die sie in erster Linie gerichtet sind Bei alle dem gibt es natürlich - leider - auch Fälle, in denen sich Tänzer oder Gruppen von Tänzern einfach schlecht benehmen. Einen Gast, der Tanzen kann und sich normal verhält, einen Abend lang durch gefixte Club-Squares auszugrenzen, ist in jedem Fall einfach schlechtes Benehmen und sonst nichts. Das würde ich persönlich selbst dann so sehen, wenn man dem Gast aus einem eigentlich legitimen Grund zu verstehen geben will, dass man ihn für am falschen Platz befindlich ansieht. Auch hier scheint mir zu gelten, dass ein offenes Wort die richtige Antwort auf so etwas ist.

Ich habe allerdings auch schon den umgekehrten Fall erlebt, dass ein permanent gefixt tanzendes Gast-Square erst gegen Ende des Abends durch Intervention von Tänzern des gastgebenden Clubs "aufgelöst" werden konnte.

IM ÜBRIGEN SCHLAGE ICH EINEN EINFACHEN TEST VOR, der zugleich auch geeignet ist, vorgetragene Beschwerden und Erzählungen über "Vorfälle" zu beurteilen. Er besteht aus der einfachen Frage: "Passiert mir/Dir das öfter?"

Wenn die ehrliche Antwort lauten kann: "Nein!", dann war es mit hoher Wahrscheinlichkeit schlechtes Benehmen der anderen in einem Einzelfall. In allen anderen Fällen spricht viel dafür, dass der betreffende Tänzer selbst etwas falsch macht.

Es wurde in der Vergangenheit hier schon diskutiert, dass deutlicher hervortretende Spannungen zwischen "Könnern" und "Weniger-gut-Könnern" Ausdruck eines Wertewandels sein könnten. Das ist sicherlich eine mögliche Deutung.

Eine andere, ebenfalls mögliche Deutung wäre, dass mit zunehmendem Aufwand, sich etwas Schwieriges anzueignen, auch die Enttäuschung größer wird, wenn man sich durch Troublemaker um die Früchte der eigenen Anstrengung geprellt sieht; anders gesagt, wenn man das mühsam Erlernte nicht tanzen kann, weil der Caller wegen eines weichen Floors gezwungen ist, es nicht zu callen, oder weil man in ein Horror-Square geraten ist. Die Bereitschaft, sich dagegen irgendwie zu wehren, hinge dann nicht mit veränderten Werten, sondern nur mit einer schon immer latent vorhandenen, allerdings jetzt schärfer als bisher sichtbaren Problemstellung zusammen.

Vielen Dank für Eure Geduld.

(Nachdruck aus Advanced News 3/99, überarbeitet vom Editor)

To top