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Im Jahre 1917 durchstreifte der berühmte englische Volkskundler Cecil J. Sharp die südlichen Appalachen auf der Suche nach Volksliedern und Balladen. England versuchte eine in Vergessenheit geratene Volkskunst wiederzufinden und wiederherzustellen. Es ging ein Gerücht um, dass in den Bergen etwas merkwürdiges und gleichzeitig wundervolles passiert war. Nachkommen der frühen Siedler die während der Herrschaft James I. in der Neuen Welt ankamen, waren in das Hinterland vorgedrungen und gründeten dort kleine Siedlungen. So lebten sie viele Generationen lang ohne jeden Kontakt zur Aussenwelt, wodurch ihre Bräuche, ihre Mundart, ihre Lieder und ihre handwerklichen Eigenheiten unverändert erhalten blieben, so wie ein Insekt im Bernstein gefangen und erhalten bleibt. Dies bewahrheitete sich auch hinsichtlich ihrer Balladen und die elizabethanisch geprägte Vergangenheit setze sich in ihrer Mundart fort. Eine bedeutende EntdeckungNiemand machte sich über Tänze viele Gedanken. Mr. Sharp erfuhr, dass die Bewohner dieser Gegend einen interessanten Tanz kannten, den sie running set nannten. Er zeichnete sich durch hohes Tempo aus und war ziemlich unkultiviert und herrisch, so dass Sharp kein Verlangen hatte diesen Tanz kennen zu lernen. In einer mondhellen Nacht in der Dorfschule von Pine Mountain, Kentucky, bekam er diesen Tanz zum ersten Mal und völlig unerwartet zu sehen. Die Beschreibung seiner Aufregung als er erkannte, dass dies die grösste Entdeckung seiner Karriere war, ist schon irgendwie haarsträubend. Schliesslich stehen uns selbst die Haare zu Berge, als uns klar wird, dass er die Wurzelspitzen unseres Western Square Dance entdeckt hat.
Was Mr. Sharp sah war zweifellos ein englischer Country Dance, aber er entsprach ganz und gar nicht Playford's Büchern. Für diesen Tanz brauchte man viel Platz. Promenaden-Figuren verbanden die Schrittfolgen, so etwas hatte man bislang noch nicht gesehen. Es gab weder Courtesy-Bewegungen noch Sets oder Balances bzw. Courtesy-Turns. Eine Figur ging in schnellem Tempo in die nächste über. Die Pattern selbst schienen sehr alt zu sein. Einige von ihnen lassen Erinnerungen an die Singspiele unserer Kindheit aufkommen. Mr. Sharp schloss daraus, dass diese Tänze älter, möglicherweise sogar viel älter, als die Country Tänze im Playford sein mussten. Die Vorfahren dieser Leute stammten aus Nordengland und dem schottischen Tiefland, wo sie ohne jeglichen Kontakt zu den Entwicklungen in den englischen Grossstädten lebten. Möglicherweise hielten sie sogar stur an ihren alten Bräuchen fest. Hatten sie bei ihrer Einreise diesen Tanz in dieser Form nach Amerika gebracht? So könnte es gewesen sein. Wie beim Ameisenbär und beim Schnabeltier haben wir es hier mit einem lebenden Fossil zu tun. Bemerkenswerte ÄhnlichkeitMan tanzte in einem richtigen Square, wobei die Paare eigenartigerweise so wie bei uns heute nummeriert waren, mit der Ausnahme, dass die Heads 1 und 2 hiessen und die Sides 3 und 4. In seinem Buch Cowboy Dances sagte Lloyd Shaw : "Nach einem einführenden Circle left, ähnlich der Einführung des Western Dance, geht das erste Paar auf das zweite Paar zu und führt mit diesem eine bestimmte Figur aus, dann zum nächsten Paar, mit dem die Figur wiederholt wird. Während sie auf das vierte Paar zugehen folgt das zweite Paar und führt die gleiche Figur mit dem dritten Paar aus und wiederholt diese Figur mit jedem anderen Paar im Square. Sobald wie möglich folgt das dritte Paar und tanzt mit dem vierten. So geht es weiter, bis jedes Paar den vorgeschriebenen Weg in der Form eines Loopings oder gehäkelten Stickmusters durchtanzt hat". Die Figuren, die von den einzelnen Paaren getanzt wurden, hatten nicht nur Ähnlichkeit mit den Western Figuren, sondern waren sogar in einigen Fällen mit ihnen identisch. Das "Do-Sa-Do", mit dem jedes Paar seinen durchtanzten Kreis beendete, hat in abgeänderter Form in den Western Tänzen überlebt. Tanz ohne MusikWenn wir eingeladen werden, bei einem "running set" mitzutanzen, müssen wir zunächst einiges lernen. Vielleicht gibt es keine Musik und wir müssen den Rhythmus im Boden unter den Füssen fühlen. Man bewegt sich in einem leichten Laufschritt und Cecil Sharp sagt über die Haltung : "Der Körper sollte ohne Bewegung aufrecht gehalten werden, Arme und Beine locker und entspannt und dabei auf die Bewegungsrichtung ausgerichtet, so wie beim Rollschuh- bzw. Eislauf". Die Bewegung findet in den Füssen und Fussgelenken statt. Dies ist die Haltung beim Country Dance. Es ist ebenso die Haltung beim Morris Dance. Die Arme hängen gerade und locker herunter und schwingen leicht im Rhythmus der Körperbewegungen. Dies ist notwendig, da der Tanz sehr lang ist. Da er tatsächlich aus vier bis zwölf einzelnen Tänzen besteht dauert der Tanz manchmal bis zu einer Stunde. Unser Programm könnte sich wie folgt zusammensetzen :
Lloyd Shaw entnahm die Figuren direkt aus Cecils Sharp's Country Dance Book. Er war es auch, der es möglicherweise als erster für diesen Zweck verwendete. Sharp übernahm die Figuren auch direkt aus dem Leben, d.h. so wie er sie auf dem dröhnenden Boden der Schule in der Pine Mountain Siedlung erlebt hatte. Die Vorfahren dieser Tänzer wiederum tanzten vor 1500 Jahren in tiefer Feierlichkeit um einen grossen Baum herum, wobei sie versuchten, sich mit ihm auszutauschen. Old Dan Tucker ist wie London Bridge einer jener Opfertänze . Vor 1500 Jahren wurde dem der als Old Dan in der Mitte tanzte zum Schluss des Tanzes tatsächlich der Kopf abgeschlagen. Ein Runder SquareBeim "running set" geht es natürlich mehr um eine Kreisformation als um einen Square. Die Bewegungen finden eher um als durch einen Square statt. Man kann die Kreis-Formationen ("round eight") fast von den Square-Formationen ("square eight") unterscheiden, wenn man überlegt, ob man die Figuren in einem grossen Kreis ("big set") tanzen kann oder nicht. Der "running set" wird in einem Square getanzt, der "big set" ist eher ein "Round für so viele wie wollen". Dabei bilden zehn, sechzehn oder zwanzig Paare einen grossen Ring und bewegen sich genau so wie oben beschrieben. Der Effekt ist einfach überwältigend, sobald sich das letzte Paar in Bewegung gesetzt hat. Betrachtet man die Tanzszene von einem Balkon über der Tanzfläche, so sieht es aus wie Mais der geröstet wird, zuerst wenig, dann immer mehr, bis zum Schluss nur noch Popcorn übrig ist und alles in sich zusammenfällt. Es ist einfach wunderschön. Mach Dir eine Liste Deiner Lieblingstänze und überprüfe, wie viele mit irgendeiner geraden Zahl von Paaren getanzt werden können. Alle anderen sind ganz bestimmt Square Dances - Quadrillen. Die Leute aus den südlichen Bergen tanzten Contras, in Linien und in Kreisen. Uns ist nicht bekannt, wann die Contras in ihr Repertoire aufgenommen wurden. Cecil Sharp brachte ihnen 1917 einige englische Contras bei. Der Einfluss durch die französischen Quadrillen wirkte sich bis dato in dieser Gegend nicht aus. Möglicherweise wurden diese Tänze nie zu einer Musik getanzt. Sie müssen aber vor 1917 eine Periode fanatischen Puritanismus beendet haben, während der die Geige als das Instrument des Teufels verschrieen war. Wir können kaum abschätzen was wir diesem grossartigen Tanz zu verdanken haben. Ihm verdanken wir nicht nur die Mehrzahl unserer Westernfiguren, sondern auch die fröhliche Einstellung zum Tanzen. Der "running set" und seine Nachfolger hielten wahrscheinlich während der vorhin erwähnten "sterilen" Periode auch das Tanzen am Leben. Die sogenannten Spielfeste ("play party"), von denen später noch die Rede sein wird und ohne die wir diese Zeit nicht überstanden hätten, gingen väterlicherseits mit Sicherheit aus dem "running set" hervor, egal wer ihre mütterlichen Vorfahren waren. Beim "running set" gab es auch einen Caller, einen richtigen Caller, als Amerikas einziges und einmaliges Zugeständnis an den Square Dance. Wenn er aus dem Set heraus callte, nannte man dies "Prompt", callte er aber von ausserhalb des Sets, so brachte er improvisierte eigene "Pattern" ein. Dies waren die Vorläufer der wunderschönen Pattern Calls wie wir sie heute kennen. Versucht einmal etwas! Nimm einen guten alten "Single Visitor Dance", vielleicht Lady Round The Lady, und tanze ihn genauso wie oben beschrieben, ein Paar folgt dem anderen. Lege dann die beste englische Square Dance Musik auf, die Du in deiner Sammlung findest. Es wird mit grösster Wahrscheinlichkeit Glise a Sherbrook sein. Wenn Du kein so altes Stück hast, versuch es mit Rubber Dolly. Höchstwahrscheinlich wirst Du nicht die nötige Ausdauer haben, um es, so wie es aufgenommen wurde, mit 128 Takten pro Minute zu tanzen. Solltest Du jedoch der Meinung sein, dass Du so kräftig wie dein Urgrossvater bist, dann spiele das Stück mit 140 Takten pro Minute ab. Du darfst nicht gehen, Du musst laufen, ganz leicht, gewissermassen schwebend. Solltest Du Dich von diesem Square erholt haben, dann lege drei bis vier Stücke nacheinander auf und tanze Shoot the Owl oder Birdie in a Cage. Anschliessend kannst Du dich draussen in die Wiese legen und Gott für Deine Vorfahren danken.
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| Erstfassung: 25. Juni 1999, Letzte Änderung 14. Januar 2025 |