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Der New England Dance

Text von Dorothy Shaw


Im ersten Jahr der Besiedlung der Kolonien in Neu-England hatte unser Tanz mit einem schweren Hindernis zu kämpfen. Jene standhaften puritanischen Gentlemen welche die "Massachusetts Bay Colony Charter" in Kraft gesetzt hatten, waren eine verbissene Gesellschaft, die offensichtlich glaubte, dass alles Fröhliche und Heitere auch gleichzeitig sündig sei. Um General Cromwell zufriedenzustellen, hatten sie viele ihrer kleinen Freuden schon vorher aufgegeben und verborgen, und als sie dann in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts den Ozean überquerten, liessen sie sie einfach hinter sich. Sie liessen den Maibaum zurück, jenen wunderbaren Totempfahl der englischen Tanzkunst, und all die Tänze, die man um ihn herum tanzte. Sie liessen die grossen Freudenfeuer der Mittsommernacht zurück und die wilden, sich windenden Reihen schattenhafter Gestalten, die um sie herumtanzten. Und sie liessen sogar das Weihnachtsfest hinter sich, mit all seinen Liedern und Wundern. (Es hat 300 Jahre gedauert, bis wir wieder Weihnachtslieder sangen.) Glücklicherweise schwächte sich der Einfluss der Puritaner schon bald ab. Aus allen Schichten der englischen Gesellschaft kamen tolerante, kluge und beherzte Menschen, nicht nur nach Neu-England sondern auch nach Virginia, Carolina und Maryland. In Amerika entwickelte sich eine geistige Elite, die ihre feine Lebensart auch in den Tanzsaal und die Versammlungshalle trug. Heutzutage ist es schwer zu sagen, wie viel vom "Neu-England-Tanz" auf den englischen Volkstanz zurückging, der nun an Bedeutung verlor, und wie viel auf die grossen Ballsäle in London und Paris.

Betrachtet man die Zeit der amerikanischen Revolution, so spricht mehr für den Ballsaal. General Washington, elegant und angemessen in Schwarz gekleidet mit einem gepuderten Zopf und weissen Seidenstrümpfen, beherrschte tatsächlich ein durchaus vorzeigbares Menuett, eine anmutige Quadrille und einen würdevollen Contratanz. Doch wann begannen die einfacheren Menschen in Neu-England ausserhalb der grossen Ballsäle ihre wunderschönen Kontras und Quadrillen zu tanzen, die das eigentliche Rückgrat unseres heutigen Square Dance bilden. Denn hier in den Ballsälen nahm der Square Dance ebenso seinen Anfang wie in den Bergen von Kentucky und Carolina, nur vielleicht ein bisschen früher.

Einige Namen dieser Tänze erzählen ihre eigene Geschichte: Green Mountain Volunteers - vergesst sie nicht, und Ethan Allen (aus der Zeit vor der Revolution, aus Vermont). Jefferson and Victory, Washington's Quickstep, The Beaux of Albany, Old Zip Coon, Boston Fancy, Pop Goes the Weasel - wie typisch amerikanisch das klingt! Hull's Victory und Sackett's Harbor, zwei der wirklich grossartigen Tripeltänze, wurden nach dem Krieg von 1812 benannt. Kommodore Hull war der Kommandant der Fregatte Constitution; und was Sackett's Harbor betrifft, das am Ostufer des Ontariosees im oberen Teil des Staates New York liegt, so zeigen die Figuren dieses Tanzes ein anschauliches Bild der hin- und herwogenden Schlacht, die monatelang um die dortige Festung geschlagen wurde. Trotzdem gehen viele dieser "amerikanischen" Tänze tatsächlich auf alte englische und schottische Vorbilder zurück, die man schon lange zuvor in der alten Heimat begeistert getanzt hatte und denen man nur amerikanische Namen gegeben hatte, ebenso wie wir unsere Amerikanische Hymne nach der Melodie von God Save the Queen und unsere Nationalhymne nach einem deutschen Kneipenlied komponiert haben. Wenn es ans Tanzen ging, haben wir uns stets darauf beschränkt bereits Bestehendes zu verändern, anstatt Neues zu schaffen. Einige dieser Entwicklungen waren wunderbar anzuschauen.

Die "Singing Quadrille"

Eine dieser grossartigen Errungenschaften war die "Singing Quadrille", die offensichtlich aus dieser Zeit stammt. Quadrillen waren in Amerika lange Zeit sehr beliebt . Sie gestatteten viele Variationen in der Musik. In einer fünfteiligen Quadrille konnte man fünf verschiedene aber artverwandte Melodien verwenden. Die berühmte "Caledonian Quadrille" z. B. enthielten Teile die zu fünf beliebten schottischen Melodien getanzt wurden, u. a. The Campbells are Coming und My Love is But a Lassie Yet. In der "Verdi Opera Quadrille" kamen zwei Arien aus "La Traviata" und drei aus "Il Trovatore" vor. Die "Columbian Quadrille" bediente sich folgender Stücke: Star Spangled Banner - Red, White and Blue - Adams and Liberty - Hail Columbia - Yankee Doodle.

Diese Art von Tanz kann entweder sehr lebhaft oder sehr langweilig sein. Wenn man die Beschreibung der Tanzschritte liest, kommt man zu dem Schluss, dass "langweilig" das richtige Wort ist. Die Tanzfiguren waren einfallslos, abgedroschen und sich alle ähnlich.

Es war eine Zeit in der es einfach zu viele Tänze gab, und sie waren demzufolge zum Scheitern verurteilt. Und doch entwickelten sich daraus die einfachen, einheitlichen und melodischen "square dances" nach beliebten amerikanischen Volksliedern: Captain Jinks, Darlin' Nellie Gray, The Girl I left Behind Me, The Flower Girl Waltz, Oh Susanna - die direkten Vorläufer solcher Tänze wie Trail of the Lonesome Pine, Red River Valley, Alabama Jubilee, Smoke on the Water und Kingston Town. Es gibt Hunderte dieser alten "swinging quadrilles", die immer wieder viel Spass machten. Und es gab die "plain quadrilles", die zu derselben alten schottischen, englischen oder auch irischen Musik getanzt wurden, die man auch für die Kontras spielte. Dies waren "square dances" im heutigen Sinne mit:

  • einer Eröffnungsfigur,
  • einem Motiv, das sich zwei- oder viermal wiederholte,
  • einer Schlussfigur.

Die häufigste Figur war damals wie heute "allemande left and grand right and left". Ralph Page meint, dass der Beitrag der Frankokanadier, die im letzten Jahrhundert nach Neu-England gekommen sind, nicht etwa wie man erwarten würde, französische Kontras, sondern eine besondere Fröhlichkeit und Lebensfreude waren, die sich in dem "long swing" ausdrückt, der ganz typisch für den Square Dance in Neu-England ist. Wir haben einmal in Bethlehem (Connecticut) einen Tanz gesehen, der zu 60% aus "swing" bestand. Eng um die Taille gefasst, Kopf und Schultern weit zurückgelehnt, drehten sich die Tänzer auf das Kommando "Swing!" mit blitzschnellen Schritten buchstäblich minutenlang wie ein Kreisel, bis sie keuchend zum offenen Fenster taumelten und dort warteten, während das nächste Paar an der Reihe war.

Es besteht kein Zweifel - der Square Dance kam aus dem Ballsaal und kehrte im ausgehenden 19. Jahrhundert zurück zum Volk. Die geschliffene Quadrille traf auf die Volkstänze der entlegenen Provinzen. Der fröhliche "Quebec swing" vermischte sich mit dem stürmischen "New Hampshire contry", der "Circle mixer" aus Maine verband sich mit dem "Longways dance" aus dem Staat New York. Ein wahrer "amerikanischer Mischling" hatte sich entwickelt.


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