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In dem halben Jahrhundert, das die Amerikanische Revolution und den Krieg von 1812 umfasste, tanzte man mehr als heutzutage. Jedermann tanzte, und dies änderte sich auch in den folgenden Jahrzehnten nicht. Schon die Kinder wuchsen mit dem Tanz auf, denn zu jener Zeit nahm man sie in Tragekörben überallhin mit. Das "junge Gemüse" bildete in der Ecke eine Gruppe und stampfte mit den Füssen, bis ein Tanzlehrer sie zu fassen bekam und ihre Tanzschritte verfeinerte (Tanzlehrer gab es jede Menge). Wenn ein neuer Priester sein Amt antrat, wurde ein "Ordinationsball" abgehalten. Wo und bei welchen Gelegenheiten wurde getanzt? In Gaststuben, Rathäusern und Scheunen, beim geselligen Maisschälen, bei Richtfesten und beim Schafscheren. Man sollte nicht glauben, dass man etwas Neues oder Aussergewöhnliches tut, wenn man im Keller oder in der Garage einen Partyraum einrichtet oder im Garten eine Tanzfläche betoniert. Das hat man schon damals getan. Der Tanzboden war mitten im Haus. Wenn man nichts Besseres zur Verfügung hatte tanzte man in der Küche, und Ralph Page erzählt von dem Fiedler, der auf dem Spülstein sitzt um den Tänzern genügend Platz zu lassen. Nichts NeuesMan sollte auch nicht glauben besonders modern zu sein, wenn man ein "Knothead-Badge" verliehen bekommt, weil man mit einem oder mehreren kompletten Squares mehr als 100 Meilen (ca. 160 km) zu einer Tanzveranstaltung gefahren ist. Das hat man schon vor über 100 Jahren getan. Man fuhr nicht im 75er Buick, sondern mit dem Schlitten oder Heuwagen, aber das Ziel war dasselbe. Und sicher gab es auch "Verrückte", die ihren Caller in den frühen Morgenstunden weckten und tanzen wollten. Das Verhalten eines heutigen Callers, der den ganzen Tag seinem Beruf nachgeht und die halbe Nacht Square Dance callt, ist tatsächlich alles andere als neumodisch. Schon damals betrieben viele Raubbau mit ihrer Gesundheit. Viele Männer, besonders Lehrer und manchmal auch Priester, die schon damals schlecht bezahlt wurden, besserten sich ihr Einkommen dadurch auf, dass sie Tanzunterricht gaben und Tanzfiguren ansagten - Square Dance im weitesten Sinne. Einige spielten sogar die Fiedel. Sie teilten sich ihre Zeit sehr wirtschaftlich ein: auf zwei Stunden Unterricht folgte ein Tanz der bis zu fünf Stunden dauern konnte. Sie forderten die Tänzer auf sich zu einem "grand march" aufzustellen. Der Fiedler stimmte sein Instrument und die Tänzer marschierten anmutig und voller Freude auf die Tanzfläche, bis die Paare schliesslich einen grossen Kreis im Saal bildeten. "Stellt Euch auf zum 'Sicilian Circle'!" Der Fiedler begann mit A Hundred Pipers, blieb jedoch nicht lange dabei - immer wieder spielte er freudig eine neue Melodie. Man tanzte immer rundherum, und zwar die Figuren, die man von jeder Tanzveranstaltung her kennt. "Promenade off the floor!" Und dann stellte man sich auf für eine "plain quadrille". "First four, right and left through - and right and left back!" Der berühmte amerikanische Square Dance war im Gange. Die Entwicklung der derzeitigen MischungDie Amerikaner waren schon immer ein Volk in Bewegung. Schon bald nachdem die ersten Kolonisten 1584 ihre erste Siedlung in Roanoke, Virginia, gegründet hatten, blieben sie nur ungern an einem Ort und zogen weiter in unerforschte Gebiete, in die sie ihre Bräuche mitnahmen. Man muss sich nur einmal die Wanderungen eines grossen Pioniers anschauen, um ein Bild von allen zu haben: Daniel Boone wurde in Pennsylvania als Sohn eines englischen Einwanderers geboren. Mit 18 ging er in die Berge des westlichen North Carolina, mit 26 erforschte er den Oberlauf des Tennesse River, mit 35 machte er sich auf, die Grenzgebiete von Kentucky zu erforschen. Er liess sich dort nieder und baute praktisch Kentucky auf, verlor sein Land wegen mangelhaften Eigentumsurkunden und drang mit 60 nach Westen vor, wo er sich nahe dem heutigen St. Louis niederliess! Er war nur einer unter Tausenden. Und sie "tanzten". Sie tanzten und sangen, und durch ihre Lieder und Tänze können wir sie vom zwanzigsten Jahrhundert aus zurückverfolgen. Wenn man die Tänze einer Gegend untersucht, wird man herausfinden, wer sie von woher mitbrachte. Es überrascht deshalb nicht, dass der Tanz aus den Appalachen auch im amerikanischen Südwesten, im Mittleren Westen, in Oklahoma und in Texas auftaucht. Er kam mit einer eigentümlichen Reinheit nach Texas und nahm schnell etwas neues auf - den bezaubernden kleinen Texas "two-step" mit seinem flatterhaften Gemüt. Wo kam der bloss her? Wahrscheinlich über die Grenze von Mexiko. Die SpieltreffsIm Mittleren Westen kam das Tanzen wieder unter puritanischen Einfluss und konnte als Tanz überhaupt nicht weiterbestehen. So wurde daraus der Spieltreff ("play-party"). Man tanzte so, als ob es ein Kinderspiel wäre, mit Singen und Händeklatschen. Die Melodien und Verse gehen so weit zurück, dass man eine Gänsehaut bekommt - weiter zurück als Playford, zurück durch Tennesse und Kentucky, wer weiss wohin. Die Spieltreffsitten waren einfach, aber Benimm war wichtig. Es gab keine alkoholischen Getränke und junge Damen und Herren waren sehr beherrscht. Kein junger Mann legte seinen Arm um die Hüfte eines Mädchens. Selbst in Texas, wo Tanzen noch Tanzen war, gab es Grenzen. Daher der alte Call "Meet your honey, pat her on the head, if you can't get biscuit, give her corn bread". "Biscuit" war ein Swing mit engem Umfassen, "corn bread" war ein schicklicher Swing mit beiden Händen gefasst, und wenn man seine Dame "betätscheln musste", dann tätschelte man ihren Kopf! Unser Square Dance entwickelte sich zugleich sittsam und lebenslustig. Der Tanz überlebtWo die einfachen Pioniere (welche die Einsamkeit suchten) hingingen, da fand man meistens den Tanz mit den 'single- visitor'-Figuren aus den Appalachen. Wo gebildetere Gruppen (die darauf aus waren, die Grenzen der amerikanischen Kultur und Regierungsgewalt weiter auszudehnen und durch organisierte Finanzierung unterstützt wurden) hingingen, da fand man mit ziemlicher Sicherheit einen Tanz nach Art der Neuengland-Quadrille. Wo eine zielstrebige und pflichtbewusste Gruppe wie die Mormonen hinging, da fand man ein Verschmelzen der beiden Typen auf einem sehr hohen Niveau. Keine Gruppe war besser darin, das Beste der amerikanischen Kultur über den Kontinent zu verbreiten, als die Mormonen. Und sie taten es lange und gut. Wo sich grosse finanzielle Möglichkeiten auftaten wie in den erfolgreichen Goldschürferlagern im Westen, da waren Leute von allen Seiten des Lebens: vermögende Förderer und bodenständige Schürfer, Kaufleute und Bankiers und Geschäftsleute. Hier fand die wahrhaftigste Synthese des amerikanischen Volkstanzes statt. Nichts vermischte die Leute so sehr wie die Schürferlager im Westen der Vereinigten Staaten. Wenn man zu einem Tanz bei den Pionierfarmern von Nebraska ging, dann traf man sicher auf so etwas wie einen "country dance". Ein Programm für einen Tanz im Central City, Colorado, des Jahres 1870 liest wie der Entwurf des Mittelteils unserer Übersicht: Quadrillen und Lancer, Contras und Kreistänze, Walzer, Polka und Schottische. Seltsamerweise sah ein Programm für einen Tanz in der Stadthalle von Kingston, New Hampshire, fast genauso aus, nur gab es mehr Contras. Der Tanz blieb für viele Jahrzehnte bemerkenswert stabil, ein bisschen wuchs hier weiter, ein bisschen ging dort verloren. Als nächstes - der ContraWas schliesslich verdrängt wurde war der Contra, vielleicht der wichtigste Vorläufer überhaupt. Es ist sicher gut, dass er in praktisch jeder Figur, die wir auf dem Tanzboden ausführen, weiterlebt. Aber Millionen haben diesen anregenden und schönen Tanz verpasst. Er verkümmerte zu drei oder vier Routinen, an die man sich noch erinnerte, und letztendlich blieb ein kümmerliches "Virginia Reel" übrig, das jeder gute Contra-Tänzer nur mit Abscheu betrachtet hätte. |
| Erstfassung: 25. Juni 1999, Letzte Änderung 14. Januar 2025 |