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Der Morris Dance

Text von Dorothy Shaw



 
 
 

Der amerikanische Volkstanz hat zwei grosse Vorfahren, einen Englischen und einen Französischen. Den feinen Beitrag der französischen Herkunft werden wir etwas später besprechen. Der englische Ahne war ein starker, mysteriös fremdartiger Tanz, der aber letzten Endes doch unser eigener ist. Er enthielt Elemente sämtlicher Überlieferungen von jahrhundertealten Riten und gibt eine grosse Fülle von Figuren, Gefühlen, Musik und Geisteshaltungen wieder. Dieser englische Vorfahre war der sagenhafte Morris Dance. 1450, wo wir unsere Geschichte beginnen, muss er bereits sehr alt gewesen sein. Niemand scheint genau zu wissen, ob er der Vorgänger des Country Dance war, der wahrscheinlich aus ihm hervorging, oder ob beide Tänze mehr oder weniger gleichzeitig entstanden. Nehmen wir vereinfachend an, dass der Morris Dance der unmittelbare Stammvater des Country Dance war. Der Morris Dance war ein gut einstudierter Tanz, im Sinne unserer Demonstrationstänze, die von uns Amateuren bei Festlichkeiten und Veranstaltungen vorgeführt werden. Er konnte nicht von Jedermann getanzt werden, nur weil derjenige gerade Lust dazu hatte, sondern er wurde von einem ausgebildeten Team, die sich "Morris Männer" nannten, aufgeführt. Er wurde mit sehr viel Ernst getanzt, da er in eine Zeit zurückgeht, in der man sich den Beginn des Frühlings sehnlichst wünschte, so dass dieser von den stampfenden Füssen der Menschen herbeigetanzt werden musste. 

Dieses Ritual geht zurück in eine Zeit, als der Winter das Schreckgespenst nach einer mageren Ernte war und Opfer (Weizen, Tiere, manchmal sogar Menschen) nötig waren, um die Götter des Wachstums und der Fruchtbarkeit günstig zu stimmen. Ein oder zwei Jahrhunderte zuvor waren diese Morris Männer Schwerttänzer, die pantomimisch ein Ritual tanzten, das in einem gespielten Menschenopfer endete. Und noch weitere Jahrhunderte davor fanden tatsächlich Opferungen statt, bei denen einer der Tänzer enthauptet wurde. Lieder wie London Bridge und We've come to see Miss Jenny-a-Jones sind Reste, die von solchen Tänzen übriggeblieben sind. Lasst Euch davon nicht beunruhigen. Fast alles was wir tun sind symbolische Gesten für etwas, das aus unserer heidnischen und primitiven Vergangenheit stammt. Es ist gut zu wissen, wo unsere tiefen Wurzeln verankert sind. Um 1450 war der Tanz nur noch ein kraftvolles und schönes Symbol, bei dem die Tänzer an Stelle von furchterregenden Schwertern nur noch hölzerne Dauben und manchmal sogar saubere Taschentücher benutzten. 

Ein Tanz des Mannes

Morris Tänze wurden von 6 Männern in zwei Dreierreihen getanzt (denkt daran, die Frauen zählten damals nicht). Jeder trug um beide Waden ein mit Schellen besetztes Lederband. Damit man diese auch hören konnte, mussten die Schritte der Tänzer kraftvoll genug sein, um die Schellen zum läuten zu bringen. Versucht Euch vorzustellen, selbst in einem verkleinerten Set/Square zu tanzen (ein Paar fehlt) und an all die Square Dance Figuren zu denken, die möglich wären. Beginnen könntet Ihr mit "forward six and fall back six" oder auch "forward and back" (oder "up and down"), dann ein "Dixi chain" und einige Varianten davon. Man könnte es erweitern zu einen "Circle" und "weave the ring" oder "make a star". Ein "pass through" wäre auch möglich. Alle diese Figuren hätten auch die Morris Männer getanzt. Aber immer mussten diese Schellen zu hören sein, deshalb würdet Ihr, wann immer der Pattern es zuliess, so hoch wie Ihr nur könntet in die Luft springen. Ihr würdet eine Art Polkaschritt machen und anstatt beim letzten Takt zu hüpfen, müsste der Fuss kraftvoll nach vorne gekickt werden, bis die Schellen wie verrückt klingeln. Während des Tanzes müsstet Ihr mit Euren Füssen ständig auf den Grasboden stampfen. 
 
Commonwealth Morris Men
© Commonwealth Morris Men, Boston, MAS / Photo by Debbie Lewis
Deer Creek Morris Men
© Deer Creek Morris Men, Palo Alto, CA
RealAudioAudio Clip

Wenn Ihr mit grossen, springenden Schritten ein "weave the ring" machen würdet (man würde "hey" dazu sagen), wäre es schön anzuschauen, wenn Eure hölzernen Schwerter oder weissen Taschentücher in den Pattern mit eingebaut würden. Am Kopf des Sets gäbe es einen Spassmacher in einem fremdländischen Kostüm (aber nicht um zu Callen). Es gab keinen Caller, und wenn Cues (Stichworte) nötig waren, wurden diese vom Führer der sechs Tänzer gegeben. Man hätte ausserdem ein improvisiertes Pferd, das von dem Mann, der in der Mitte stand, gelenkt wurde. Weiter gäbe es auch einen Mann, der als Frau verkleidet MAID MARIAN darstellen sollte und vielleicht FRIAR TUCK oder andere Gestalten aus ROBIN HOOD. 

In einem Haus in Staffordshire (England) existiert eine 500 Jahre alte Glasmalerei, die exakt zeigt, wie jeder ausgesehen hat. Ein Dudelsackpfeifer würde die Melodien Glise a Sherbrook, Green Sleeves und Rakes of Mallow spielen. Wenn Ihr, trotz alledem, Euch die Mühe macht, genauer hinzuschauen, könntet Ihr sagen: " Es sieht unserem Square Dance sehr ähnlich!". 
 


Will Kemp
Ein früher Holzschnitt von "Kemp's Jig"

Nur ein starker Mann, ein richtiger Athlet, konnte ein "Morris Man" sein. Es gibt eine nette Geschichte, die erzählt, wie der grosse Spassmacher WILL KEMP in der Zeit Shakespeares einmal den ganzen Weg von London nach Norwich tanzte (das sind ungefähr 80 Meilen/132 km, für die er 9 Tage brauchte) und wie in einer Stadt eine Maid kam und mit ihm tanzte um ihm für eine Meile Gesellschaft zu leisten - keckes Mädel. Es war im Jahr 1580 als er wettete, dies in weniger als 10 Tagen zu schaffen. Wie Ihr ja wisst, hat er die Wette gewonnen, die als "The Nine Daie's wonder" oder besser als "Kemp's Jig" bekannt wurde. 

Woher und von wieweit kam in der Zeit von Henry dieser Tanz auf die englischen Wiesen und Höfe? Kommt der Name Moorish (Morris) aus Nord Afrika? Könnte man den Tanz tausend Jahre zuvor im alten Kreta entdeckt haben? Wer kann es sagen? Es ist sicherlich leichter zu verfolgen, wie er den Atlantik überquert und dann auf den Wiesen Kentuckys zu finden war. Frage irgendeinen guten Tänzer (Ballett, Gesellschaftstanz, Volkstänze oder Square Dance) und er wird wahrscheinlich antworten: "Es ist alles zurückzuführen auf den Morris. Alles hat seine Wurzeln beim Morris". 

Wir haben Square für acht und Rounds für acht getanzt und unsere ungeübten Augen haben vielleicht Schwierigkeiten irgendeinen Unterschied zu sehen. Aber es gibt ihn. Dull Sir John ist wie eine Eastern Quadrille und Newcastle, ein Round für acht, ist wie ein Western Square Dance mit einem Texas Stern, bei dem alle gleichzeitig aktiv sind. 

Ein variiertes Programm

Wir haben eine Anzahl von "Rounds für so viele wie wollen" getanzt und phantastische Variationen eingebaut. Einige der Tänze gehen zurück auf die Choral-Tänze (im Kreis oder in Linien), die im Hauptschiff englischer Kirchen getanzt wurden und heute noch an Himmelfahrt im Chor der Kathedrale in Sevilla getanzt werden. Wenn ihr wissen wollt, wie das aussieht, legt eine Platte auf und tanzt Good Girl. Wir haben vielleicht einen Round getanzt, bei dem "zwei" Paare "zwei" anderen Paaren gegenüberstehen und am Anfang eines "Mescolanze" aneinander vorbeigehen. Daraus entwickelte sich später der "progressive Square". Und wir werden einige der kleinen "vierer"-Tänze getanzt haben, die sich zu "Longways" und weiteren "Squares" entwickelten. Zurück von unserer magischen Reise erinnern wir uns an manche der wunderschönen Melodien - Blew Cap, mit dem schottisch rhythmischen Schwung, Faine I Would If I Could, Kemp's Jegge, Cathering Peascods, Spanish Jeepsies und den grossen Staines Morris. Wir erinnern uns, wie wir einige der Melodien mitgesungen und zu unserem eigenen Singen getanzt haben, während die Aussenstehenden sich anschlossen, so wie es heute bei Trail of the Lonesome Pine der Fall ist. 

Wären wir nur gewöhnliche Touristen gewesen, hätte man uns auf der Dorfwiese unterhalten, aber wenn wir sehr wichtige Persönlichkeiten gewesen wären (bedeutende Händler oder Botschafter), hätten wir am Hofe getanzt. Der englische Country Dance hielt leichten Herzens am Hofe Einzug, ohne eine Spur von Minderwertigkeitskomplexen. Jeder hat ihn getanzt. 

Es hat viel mehr Spass gemacht als die Branles, Gavotten und Menuetts, die vom französischen Hof importiert wurden. Während der Regentschaft von James I. wurden die Country Tänze in der Tat von den königlichen Hoheiten und dem Adel am Hofe getanzt. 

Ein lebhafter Tanz

Was die Schritte angeht, so sind sie frei und ausgedehnt. Die Laufschritte sind schnell und leicht, die Sprünge fröhlich, die gleitenden Bewegungen überlappen sich, die Gehschritte sind freudig. Es ist eine Freude den kleinen "pas-de-basque" mit "festen" Schritten getanzt zu sehen. Die Knie sind gerade, die Bewegung kommt aus den Fussgelenken. Das Tempo der Musik ist recht schnell. Später, als die schottischen Schrittfolgen und Figuren einzufliessen begannen, hellten die noblen schottischen Schritte das Pattern auf, wie ein roter Faden in einem Schottentuch. Noch etwas später kamen die irischen Gigue-Schritte hinzu. Aber der englische Country Dance akzeptierte niemals ein wundervolles "seven and two threes" der grossartigen irischen Rundtänze - bis heute nicht. 

Die Jahre vergehen und aufmerksame Forscher fühlen immer mehr, dass der Country Dance englisch ist, "unser" Tanz englisch ist. Nur weil er deutsche Quadrate, französische Kreise und spanischen Linien enthält, waren wir der Meinung, dass der eine vom anderen abstammen muss, aber Tanzmuster sind unvermeidbar. Griechische Soldaten tanzten schon zur Zeit des Xerxes in Squares, und Schottische Soldaten tanzen heute noch so. Natürlich muss zwischen den Ländern ein Austausch stattgefunden haben, deshalb ist der Stammbaum an der Spitze auch so sehr ineinander verflochten. Aber die Engländer scheinen ihren eigenen Tanz entwickelt zu haben, und folglich auch unseren. Das Herz und die Seele dieses Tanzes sind die grossen "Longways", die fast jeden denkbaren Square Dance Schritt und jedes denkbare Square Dance Muster enthalten. 

Es war dieser "Longways" Tanz, der am französischen Hofe eine Art Bündnis hervorbrachte und die starken Bindungen der verschiedenen Tänze an den Ballsaal bzw. an die Dorfwiese vergessen liess. All dies brachte den "Contra" hervor, der uns viel von dem gab, was wir heute noch tanzen. Vergesst nicht, dass dieser "Longways" weiter zurückreicht als die menschliche Erinnerung. 
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